Ich weiß von solchen...

In manchen Seelen wohnt so tief die Kindheit,
Dass sie den Zauber niemals ganz durchbrechen,
Sie leben hin in traumgefüllter Blindheit
Und lernen nie des Tages Sprache sprechen.

Weh ihnen, wenn ein Unheil sie erschreckt
Und plötzlich hell zur Wirklichkeit erweckt!
Aus Traum gescheucht und kindlichem Vertrauen
Starren sie hilflos in des Lebens Grauen.

Ich weiß von solchen, die der Krieg erst weckte,
Da sie des Lebens Mitte überschritten,
Und die seither am Leben wie erschreckte
Traumwandler zitternd und geängstigt litten.

Es scheint: in diesen Hoffnungslosen sucht
Die Menschheit ihrer blutgetränkten Erden,
Sucht ihrer Grausamkeit und Seelenflucht
Erschauernd und beschämt bewusst zu werden.

 

Harte Menschen

Wie ist euer Blick so hart,
Will alles versteinern,
Ist nicht der kleinste Traum darin,
Ist alles kalte Gegenwart.

Mag denn in eurem Sinn
Gar keine Sonne scheinen?
Und müsset ihr nicht weinen,
Dass ihr nie Kinder wart?

 

Bitte

Wenn du die kleine Hand mir gibst,
Die so viel Ungesagtes sagt,
Hab ich dich jemals dann gefragt,
Ob du mich liebst?

Ich will ja nicht, daß du mich liebst,
Will nur, daß ich dich nahe weiß
Und daß du manchmal stumm und leis
Die Hand mir gibst.

 

Ich bin ein Stern

Ich bin ein Stern am Firmament,
Der die Welt betrachtet, die Welt verachtet,
Und in der eignen Glut verbrennt.

Ich bin das Meer, das nächtens stürmt,
Das klagende Meer, das opferschwer
Zu alten Sünden neue türmt.

Ich bin von Eurer Welt verbannt
Vom Stolz erzogen, vom Stolz belogen,
Ich bin ein König ohne Land.

Ich bin die stumme Leidenschaft,
Im Haus ohne Herd, im Krieg ohne Schwert,
Und krank an meiner eignen Kraft

 

Er ging im Dunkel

Er ging im Dunkel gern, wo schwarzer Bäume
Gehäufte Schatten kühlten seine Träume.

Und dennoch litt in seiner Brust gefangen
Nach Licht; nach Licht! ein brennendes Verlangen.

Er wußte nicht, daß über ihm die klaren
Himmel voll reiner Silbersterne waren.

 

Sphinx

Das ist die tiefste Lebenslist:
Den Ort auf jedem Wege wissen,
Wo seine Sphinx verborgen ist.

Ich fand im Leben keinen Tag,
In dessen Tiefe grinsend nicht
Das zwiegestalte Scheusal lag.

Ich bin ihr oft vorbeigegangen
Und sah den grünen Hungerblick
An meinen Schritten gierig hangen.

Ich schritt vorbei und grüßte sie
Mit freundlich bösen Kenneraugen:
Noch immer munter, gutes Vieh?

Sie kennt nun lang schon mein Gesicht
Und folgt mir mit mürrischen Tigerblicken,
Aber die Krallen zeigt sie nicht.

 

Ausklang

Wolkenflug und herber Wind
Kühlt mich, der ich krank gewesen.
Träumend wie ein stilles Kind
Ruh ich aus und bin genesen.

Nur ein Klang in tiefer Brust
Ist von meinem armen Lieben,
Dämpfend alle laute Lust,
Leis und trauernd überblieben.

Diesen namenlosen Klang,
Während Wind und Tannen rauschen,
Kann ich Stunden, Tage lang
Schweigend hingegeben lauschen.

 

Beim Schlafengehen

Nun der Tag mich müd' gemacht,
soll mein sehnliches Verlangen
freundlich die gestirnte Nacht
wie ein müdes Kind empfangen.

Hände, lasst von allem Tun,
Stirn, vergiss du alles Denken,
alle meine Sinne nun
wollen sich in Schlummer senken.

Und die Seele unbewacht
will in freien Flügen schweben,
um im Zauberkreis der Nacht
tief and tausendfach zu leben.

 

Der Liebende

Nun liegt dein Freund wach in der milden Nacht,
Noch warm von dir, noch voll von deinem Duft,
Von deinem Blick und Haar und Kuß - o Mitternacht,
O Mond und Stern und blaue Nebelluft!
In dich, Geliebte, steigt mein Traum
Tief wie in Meer, Gebirg und Kluft hinein,
Verspritzt in Brandung und verweht zu Schaum,
Ist Sonne, Wurzel, Tier,
Nur um bei dir,
Um nah bei dir zu sein.
Saturn kreist fern und Mond, ich seh sie nicht,
Seh nur in Blumenblässe dein Gesicht,
Und lache still und weine trunken,
Nicht Glück, nicht Leid ist mehr,
Nur du, nur ich und du, versunken
Ins tiefe All, ins tiefe Meer,
Darein sind wir verloren,
Drin sterben wir und werden neugeboren.

 

Auf den Tod eines kleinen Kindes...

Jetzt bist du schon gegangen, Kind,
Und hast vom Leben nichts erfahren,
Indes in unseren welken Jahren
Wir Alten noch gefangen sind.

Ein Atemzug, ein Augenspiel,
Der Erde Luft und Licht zu schmecken,
War dir genug und schon zuviel;
Du schliefst ein, nicht mehr zu wecken.

Vielleicht in diesem Hauch und Blick
Sind alle Spiele, alle Mienen
Des ganzen Lebens dir erschienen,
Erschrocken zogst du dich zurück.

Vielleicht wenn unsre Augen, Kind,
Einmal erlschen, wird uns scheinen,
Sie hätten von der Erde, Kind,
Nicht mehr gesehen als die deinen.

 

In Sand geschrieben

Dass das Schöne und Berückende
Nur ein Hauch und Schauer sei,
Dass das Köstliche, Entzückende,
Holde ohne Dauer sei:
Wolke, Blume, Seifenblase,
Feuerwerk und Kinderlachen,
Frauenblick im Spiegelglase
Und viel andre wunderbare Sachen,
Dass sie, kaum entdeckt, vergehen,
Nur von Augenblickes Dauer,
Nur ein Duft und Windeswehen,
Ach, wir wissen es mit Trauer,
Und das Dauerhafte, Starre
Ist uns nicht so innig teuer:
Edelstein mit kühlem Feuer,
Glänzendschwere Goldesbarre;
Selbst die Sterne, nicht zu zählen,
Bleiben fern und fremd, sie gleichen
Uns Vergänglichen nicht, erreichen
Nicht das Innerste der Seelen.
Nein, es scheint das innigst Schöne,
Liebenswerte dem Verderben
Zugeneigt, stets nah dem Sterben,
Und das Köstlichste: die Töne
Der Musik, die im Entstehen
Schon enteilen, schon vergehen,
Sind nur Wehen, Strömen, Jagen
Und umweht von leiser Trauer,
Denn auch nicht auf Herzschlags Dauer
Lassen sie sich halten, bannen;
Ton um Ton, kaum angeschlagen,
Schwindet schon und rinnt von dannen.
So ist unser Herz dem Flüchtigen,
Ist dem Fließenden, dem Leben
Treu und brüderlich ergeben,
Nicht dem Festen, Dauertüchtigen.
Bald ermüdet uns das Bleibende,
Fels und Sternwelt und Juwelen,
Uns in ewigem Wandel treibende
Wind- und Seifenblasenseelen,
Zeitvermählte, Dauerlose,
Denen Tau am Blatt der Rose,
Denen eines Vogels Werben,
Eines Wolkenspieles Sterben,
Schneegeflimmer, Regenbogen,
Falter, schon hinweg geflogen,
Denen eines Lachens Läuten,
Das uns im Vorübergehen
Kaum gestreift, ein Fest bedeuten
Oder wehtun kann. Wir lieben,
Was uns gleich ist, und verstehen,
Was der Wind in Sand geschrieben.

 

Welkes Blatt

Jede Blüte will zur Frucht,
Jeder Morgen Abend werden,
Ewiges ist nicht auf Erden
Als der Wandel, als die Frucht.

Auch der schönste Sommer will
Einmal Herbst und Welke spüren.
Halte, Blatt, geduldig will,
Wenn der Wind dich will entführen.

Spiel dein Spiel und wehr dich nicht,
Laß es still geschehen.
Laß vom Winde, der dich bricht,
Dich nach Hause wehen.

 

Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
in andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegensenden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden ...
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

 

Sonderling

Ich bin zuweilen wie ein wilder Mann,
Der Götter höhnt und laute Nächte lang
Mit rohen Kameraden zechen kann
Und dem schon mancher scharfe Witz gelang.

Ich bin zuweilen wie ein schwaches Kind,
Das ohne Schuld krank wurde und verdarb,
Und dessen Lächeln ungeboren starb.
Und dessen Träume voll von Engel sind.

 

September

Der Garten trauert,
kühl sinkt in die Blumen der Regen.
Der Sommer schauert
still seinem Ende entgegen.

Golden tropft Blatt um Blatt
nieder vom hohen Akazienbaum.
Sommer lächelt erstaunt und matt
in den sterbenden Gartentraum.

Lange noch bei den Rosen
bleibt er stehn, sehnt sich nach Ruh,
langsam tut er
die müdgeword'nen Augen zu.

 

September

The garden is in mourning:
the rain falls cool among the flowers.
Summer shivers quietly
on its way toward its end.

Golden leaf after leaf
falls from the tall acacia.
Summer smiles, astonished, feeble,
in this dying dream of a garden.

For a long while, yet, in the roses
she will linger on, yearning for peace,
and slowly
close her weary eyes.

 

Rat

Nein, Junge, suche du allein
Den Weg und laß mich weitergehen!
Mein Weg ist weit und mühevoll
Und führt durch Dornen, Nacht und Wehen.

Geh lieber mit den andern dort!
Der Weg ist glatt und viel betreten,
Ich will in meiner Einsamkeit
Auch fürder einsam sein und beten.

Und siehst du mich auf Bergen stehen,
Beneid mich nicht um meine Flügel!
Du wähnst mich hoch und himmelnah -
Ich seh, der Berg war nur ein Hügel.

 

Manchmal

Manchmal, wenn ein Vogel ruft
Oder ein Wind geht in den Zweigen
Oder ein Hund bellt im fernnsten Gehöft,
Dann muß ich lange lauschen und schweigen.

Meine Seele flieht zurück,
bis wo vor tausend vergessenen Jahren
Der Vogel und der wehende Wind
mir ähnlich und meine Brüder waren.

Meine Seele wird Baum
Und ein Tier und ein Wolkenweben.
Verwandelt und fremd kehrt sie zurück
Und fragt mich. Wie soll ich Antwort geben?

 

 

Kennst du das auch?

Kennst du das auch, daß manches mal
Inmitten einer lauten Lust,
Bei einem Fest, in einem frohen Saal,
Du plötzlich schweigen und hinweggehen mußt?

Dann legst du dich aufs Lager ohne Schlaf
Wie Einer, den plötzlich Heimweh traf;
Lust und Gelächter ist verstiebt wie Rauch,
Du weinst, ohne Halt - Kennst du das auch?

 

Keine Rast

Seele, banger Vogel du,
immer wieder mußt du fragen:
Wann nach so viel wilden Tagen
kommt der Friede, kommt die Ruh?

Ob, ich weiß: kaum haben wir
unterm Boden stille Tage,
wird vor neuer Sehnsucht dir
jeder liebe Tag zur Plage.

Und du wirst, geborgen kaum,
dich um neue Leiden mühen
und voll Ungeduld den Raum
als der jüngste Stern durchglühen.

 

Irgendwo

Durch des Lebens Wüste irr ich glühend
Und erstöhne unter meiner Last,
Aber irgendwo, vergessen fast,
Weiß ich schattige Gärten kühl und blühend.

Aber irgendwo in Traumesferne
Weiß ich warten eine Ruhestatt,
Wo die Seele wieder Heimat hat,
Weiß ich Schlummer warten, Nacht und Sterne.

 

Traum

Es ist immer derselbe Traum:
Ein rotblühender Kastanienbaum,
Ein Garten, voll von Sommereflor,
Einsam ein altes Haus davor.

Dort, wo der stille Garten liegt,
Hat meine Mutter mich gewiegt;
Vielleicht - es ist so lange her -
Steht Garten, Haus und Baum nicht mehr.

Vielleicht geht jetzt ein Wiesenweg
Und Pflug und Egge drüber weg,
Von Heimat, Garten, Haus und Baum
Ist nichts geblieben als mein Traum.

 

Sarasate

Auf fernen Schwingen fliegt ein Ton,
Und einer noch - der letzte - rinnt
Ihm nach, und bebt, und ist entflohn. -
O daß ich weinen dürfte,
Wie um sein Spielzeug weint ein Kind!

Ich sitze noch - der Jubel gellt -
Und meine Sinne trinken lang
Die Luft noch einer fremden Welt,
Die meine Kindersehnsucht
Mit heißen Armen schon umschlang.

Die Luft von einer andern Welt,
Die nächtelang mit loher Brunst
Mein fiebernd Aug´ im Banne hält,
Das Land der Heimatlosen,
Das sonnenrote Reich der Kunst.

 

Für Ninon

Daß du bei mir magst weilen,
Wo doch mein Leben dunkel ist
Und draußen Sterne eilen
Und alles voll Gefunkel ist,

Daß du in dem Getriebe
Des Lebens eine Mitte weißt,
Macht dich und deine Liebe
Für mich zum guten Geist.

In meinem Dunkel ahnst du
Den so verborgnen Stern.
Mit deiner Liebe mahnst du
Mich an des Lebens süßen Kern.

 

Schweinerei

Wenn alles nicht so müßte sein
Und alles etwas anders wäre,
Dann wäre ein rechtes Schwein zu sein
Mir eine hohe Ehre.

Alles ist anders, als es scheint.
Haben die Philosophen gemeint,
Haben aber das Schwein vergessen.
O selig, o selig, noch klein und rein
Und ein junges Schwein zu sein,
Mit dem Rüssel aus der Schüssel fressen,
Mit dem Rüssel in der Schüssel wühlen,
Geil zu blicken aus des Auges Schlitz,
Einer treuen Seele schlichtem Sitz,
Und sich ganz und gar als Schwein zu fühlen!

Niemals hab ich dieses Glück genossen,
Während doch so viele andre Säue
Ehrenvoll und ohne jede Reue
Säuisch sich gewälzt in allen Gossen.
Tausend nie erlebte Schweinereien
Ahn ich sehnsuchtsvoll im Traum der Nacht,
Und mir scheint, bei Gott, sie seien
Einzig nur für mich gemacht.

Leider ist mir armem Idioten
Dieses grenzenlose Glück verboten.
Hinter mir in wesenlosem Scheine
Hör ich Schweine grunzen, Schweine, Schweine.

 

Denken an den Freund bei Nacht

Früh kommt in diesem bösen Jahr der Herbst...
Ich geh bei Nacht im Feld, allein, den Wind am Hut,
Der Regen klirrt... Und du? Und du, mein Freund?

Du stehst - vielleicht - und siehst den Sichelmond
Im kleinen Bogen über Wälder gehn
Und Biwakfeuer rot im schwarzen Tal.
Du liegst - vielleicht - im Feld auf Stroh und schläfst
Und über Stirn und Waffenrock fällt kalt der Tau.

Kann sein, du bist zu Pferde diese Nacht,
Vorposten, spähend unterwegs, Revolver in der Faust,
Flüsternd und lächelnd mit dem müden Gaul.
Vielleicht - ich denk mir´s so - bist du die Nacht
In einem fremden Schloß und Park zu Gast
Und schreibst bei Kerzenlicht an einem Brief,
Und tippst am Flügel im Vorübergehn
Auf klingende Tasten...

Bist du schon still, schon tot, und deinen lieben
Ernsthaften Augen scheint der Tag nicht mehr,
Und deine liebe, braune Hand hängt welk,
Und deine weiße Stirne klafft - - o hätt ich,
Hätt ich dir einmal noch, am letzten Tag,
Hätt ich dir etwas noch gezeigt, gesagt
Von meiner Liebe, die zu schüchtern war!

Du kennst mich ja, du weißt... Und lächelnd nickst
Du in die Nacht vor deinem fremden Schloß,
Und nickst auf deinem Pferd im nassen Wald,
Und nickst im Schlaf auf deiner harten Streu,
Und denkst an mich und lächselst.

Und vielleicht,
Vielleicht kommst du einmal vom Krieg zurück,
Und eines Abends trittst du bei mir ein,
Man spricht von Longwy, Lüttich, Dammerkirch,

Und lächelt ernst, und alles ist wie einst,
Und keiner sagt ein Wort von seiner Angst,
Von seiner Angst und Zärtlichkeit bei Nacht im Feld,
Von seiner Liebe. Und mit einem Witz
Schreckst du die Angst, den Krieg, die bangen Nächte,
Das Wetterleuchten scheuer Männeerfreundschaft
Ins kühle Nie und Nimmermehr zurück.

 

Thinking of a Friend at Night

In this evil year, autumn comes early...
I walk by night in the field, alone, the rain clatters,
The wind on my hat. And you?...And you, my friend?